sebastianus

725 Jahre

Bruderschaft St. Sebastianus und St. Vitus,

Obergeburth Waldhausen e. V., gegr. 1279

Jan van Werth und seine Zeit

 

Buchauszug aus „Jan van Werth und seine Zeit“

von Michael Wefers, B. Kühlen Verlag

 

„Wäre Vater Beonhard nicht hier bei uns, es wäre um die Braut geschehen. Und wenn der Löwenburger mit seiner Riesenfaust nicht so schnell dem Räuber eins ausgewischt hätte, sein Dolch hätte Eure Brust getroffen. Und das nennt Ihr noch kein Unglück?“. „Ihr habt recht, Frau Kamper“, bestätigte die Braut. „Es war gewiss ein Unglück! Am Hochzeitstage zu sterben, dazu hatte ich wahrlich keine Lust.“ „Wir wollen dem Herrgott danken, dass er unser Brautpaar so gnädig bewahrt hat vor dem teuflischen Plane des Rheydter Mordgesellen. Doch sein Maß ist jetzt voll. Herr Werth, seht Euch vor, dass er Euch auf dem Weg nach Linnich nicht entwischt!“ sprach Vater Beonhard. „Seid außer Sorge, ehrwürdiger Vater“ erwiderte Jan van Werth. „Wir werden ihn fesseln und nehmen auch gute Begleitung mit, so dass wir einen kleinen Strauß auf dem Wege bestehen können.“ „Die Begleitung übernehmen wir“, sagte der Schmied Huppertz. „Ich werde ein halb Dutzend Vitusbrüder mitnehmen. Wir sind wegkundig und in Linnich bekannt.“ Der Eremit erwiderte bedächtig: „Junge, das geht aber nicht zum Vogelschießen. Der Weg ist nicht ungefährlich.“ „Es sind alles alte Schützenbrüder, die ich mitnehme; sie werden dem Namen unserer Jahrhunderte alten Bruderschaft schon Ehre machen.“ „Nun, der Jahrhunderte sind es so viele nicht! Wir schreiben heute 1598 und ihr reicht zurück bis Anfang 1400, dagegen waren die Sebastianusbrüder schon um 1250 da.“

„Wir meinen, die Sebastianusbrüder seien erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts Bruderschaft geworden. Wisst Ihr´s denn anders, Vater Beonhard?“

„Ja, ich weiß es anders, und wenn´s euch interessiert, so will ich davon erzählen: Die „Kielbroer“ gehören der ältesten Bruderschaft an. Im 13. Jahrhundert kam eine gelehrte Frau, die sich Hildegard nannte, nach Gladbach und quartierte sich im Gasthause der Abtei ein. Sie wollte sich von der Welt zurückziehen, um dem Herrn zu dienen. Mit Erlaubnis des Abtes Gerhardus ( 1240) erbaute sie im Walde bei Engelsholt, rechts vom Engelshofe auf Dahlen zu, in der Nähe des an der alten Aachener Straße liegenden Römerbrunnens eine Kapelle mit einer Klause. Seitdem hieß es dort „an der Kluhs“. Die Frau übertrug die Bebauung des kleinen Gartens einem Bauern, der in der Nähe wohnte. Er erhielt dadurch den Namen „an der Kluhs“ und in späteren Jahren einfach „Klusen“. In der Kapelle wurde Sonntags für die älteren und kränklichen Leute, die nicht zur Stadt gehen konnten, eine Hl. Messe gelesen. Hildegard ließ ein Madonnenbild aufstellen, und bald kamen die Leute von nah und fern, um die Hilfe der Gottesmutter in allerlei Anliegen zu erbitten. Die weise Klausnerin wusste guten Rat in mancherlei Angelegenheiten zu erteilen und stand bald im Rufe einer heiligmäßigen Frau. Man erzählte sich, ihr Mann habe das Kreuz genommen, sei zum Heiligen Land gezogen und dort gefallen. Man habe in ihrer Heimat, in der Lausitz, ihre Burg überfallen und ihre Kinder getötet. Sie habe sich mit einem Goldschatze flüchten können und sei nach Gladbach gekommen, da im hiesigen Kloster ein Bruder von ihr war. Im Jahre 1250 wurde dem Klusen eines Tages der Hofhund vergiftet, und in der darauffolgenden Nacht alles Wertvolle aus der Kapelle und Klause geraubt. Hildegard hatte man in ihrem Zimmerchen eingeschlossen, aber ihr nichts zuleide getan.

Als dieses bekannt wurde, kamen mehrere junge Burschen von Holt, Waldhausen und aus der ganzen Obergeburt zusammen und berieten, wie sie Frau Hildegard, die so viel Gutes tat und keinen Armen ohne Tröstung und Almosen ziehen ließ, für die Zukunft schützen könnten. Der alte Klusen wurde ins Vertrauen gezogen, und es wurde überlegt, ob sie nicht eine Bruderschaft errichten sollten unter dem Namen des beliebten heiligen Kriegsmannes Sebastian. Der Gladbacher Pfarrer Dietrich von Kolgen, mit dem sie sich in Verbindung gesetzt hatten, wollte die Angelegenheit mit dem Abte besprechen. Der Abt Theodoricus, der stets kränklich war, starb  über den Verhandlungen am 22. Juli 1298 , und AbtWilhelm von Helpenstein genehmigte auf besondere Fürsprache des Schultheißen Henricus und des Schöffen Matthias Konradus die Gründung der Bruderschaft. Der Sohn des Klusen, der auch Bruder war, hatte die Pflicht, den nächsten Brüdern, die stets ein gesatteltes Pferd in der Nacht bereit hielten, bei einem Überfall oder Brande Nachricht zu geben.; jeder von den so Benachrichtigten sprengte zu weiteren Brüdern, die ihm zugeteilt waren, um sie zur Hilfe aufzubieten. Mehrere Male im Jahre wurden die Brüder durch den ersten Brudermeister alarmiert, um zu sehen, in welcher Zeit die ganze Bruderschaft einsatzbereit versammelt war. Bei Bränden mussten die Brüder mit einem Ledereimer versehen sein.

 

Als der 1172 erbaute Kühlenhof bei Hardt 1296 brannte, retteten die Kielbroer durch ihre schnelle Hilfe den Hof und erhielten dafür vom Abte Wilhelmus das Recht, bei ihren Alarmierungen in Holt, in Engelsholt oder im Kühlenhof bewirtet zu werden. Die Bewirtung wurde bald auch auf andere Höfe, die dem Übungsplatze nahe lagen, ausgedehnt, und die Kielbroer scheinen im Essen und Trinken Tüchtiges geleistet zu haben, denn böse Menschen behaupten, der Name käme nicht von „mit dem Kiel schießen“ sondern von „ankielen“. Einmal im Jahr wurde der Vogel geschossen. Der Abt verlieh der Bruderschaft im Jahre 1296 einen schweren Silberschild mit Widmung und Jahreszahl für die Hilfe beim Brande des Kühlenhofes. Die Kielbroer waren tapfere und im Waffengebrauch gutgeschulte Leute. Sie wurden einmal von den Erkelenzern, die unter den Raubrittern auf Griepekoven viel zu leiden hatten, gebeten, ihnen zu helfen, wozu sie auch sofort bereit waren. Sie schlossen die Burg ein und stürmten sie zusammen mit den Erkelenzern; die ganze Besatzung wurde niedergemacht und die Burg eingeäschert (1356).

Als die Lütticher auf Veranlassung des Erzbischofs Ruprecht von Köln den Raubritter Johann von Arendal unschädlich machen und zu diesem Zweck das Schloss Rheydt, ein altes Raubnest, ausheben wollte, baten sie die Kielbroer und die Vitusbrüder um Hilfe. Beide Bruderschaften halfen tapfer mit. Johann von Arendal verließ das Schloss und wurde gefangen  genommen. Um  sein Leben zu retten, verriet er in feiger, unritterlicher Weise seine Mannschaft, die dann bei der Erstürmung am 4. April 1464 fast gänzlich aufgerieben wurde. Das Schloss wurde geschleift. Für ihre Tapferkeit erhielten beide Bruderschaften vom Prälaten Wilhelmus ein Dankschreiben.

Dann und wann zogen die Sebastianus- und Vitusbrüder aus, um für den Abt gegen die Herren von Rheydt, Millendonk und Neersen zu streiten, wenn diese unbefugt in die abteilichen Wälder eindrangen, um zu jagen.

Die Vitusbrüder finden wir schon in der Stadt als Krämer- und Vettenmängerzunft und als Barbara- und Vitusbruderschaft um 1400. Abt Johannes von Troisdorff bestätigte sie und stattete sie mit großen Rechten aus.

Weitere Rechte und Einkünfte aus Ländereien erhielten sie am 15.Juni 1422 von Wilhelm von Jülich, der als Administrator der Abtei die Rechte des Abtes ausübte. Im Karmannshof hielten sie ihre Prunkfestlichkeiten ab und wurden dort auf Kosten des Prälaten bewirtet. Der Schirmvogt der Stadt, Graf von Jülich auf Nideggen, bestätigte sie. Die Vitusbrüder trugen besonders zur Verschönerung der kirchlichen Feste bei; in vorgeschriebener Kleidung und mit blanken Waffen erschienen sie in der Kirche und zu den kirchlichen Aufzügen. Auch war es ihnen strenge Pflicht, ihre kranken Brüder zu besuchen und zu unterstützen sowie den Verstorbenen in Wehr und Waffen die letzte Ehre zu erweisen. Die Vitusbruderschaft hat viel zur Ehre Gottes zum Wohle des Nächsten getan“, schloss der Eremit seinen Bericht.

„Na, Ihr wisst ja gut Bescheid über unsere Bruderschaften, Vater, und wir haben manches gehört, was wir noch nicht wussten“, sagte Huppertz.